Notzeit

Zeitgeschichte:

1932: Eine weltweite Wirtschaftskrise zieht 7 Millionen Arbeitslose in Deutschland nach sich.
30. Januar 1933: Mit nationalsozialistischer Hetze und Propaganda kommt Adolf Hitler an die Macht.
Staat und Gesellschaft befinden sich in einer Dauerkrise. Viele sehnen sich nach einer Erlösergestalt, auch namhafte Kräfte im Deutschen Katholizismus, auch Angehörige des deutschnational eingestellten westfälischen Adels.
1934/1935 werden Banner und Wimpel und alle nichtreligiösen Tätigkeiten der Katholischen Jugend verboten. Dazu gehört auch eine Doppelmitgliedschaft in der Hitlerjugend und in einem kirchlichen Verband
Katholische Jugendliche werden in Schule und Beruf benachteiligt und  diskriminiert.
1937 wird der Katholische Jungmännerverband (KJMV) im gesamten Erzbistum Paderborn verboten.
April 1939 werden alle Konfessionsschulen in Deutsche Gemeinschaftsschulen umgewandelt.
Es gibt Hetzkampagnen gegen Ordensgemeinschaften. Ordenshäuser und Klöster werden für kriegsbedingte Zwecke, z.B. Lazarette beschlagnahmt.

1941 hat das NS-Euthanasieprogramm - die Vernichtung ‚unwerten Lebens' - seinen Höhepunkt erreicht. Aus Heil- und Pflegeanstalten werden Patienten abgeholt und in die Tötungsanstalten abtransportiert. Trotz der Predigten des Bischofs von Münster Clemens August Graf von Galen und einem Protestbrief des Paderborner Kapitularvikars Weihbischof Augustinus Philipp Baumann wurden die Tötungen im Verborgenen weitergeführt. Große Beispiele von Glaubensmut und Widerspruch gegen den Nationalsozialismus wechselten mit Angst, Mitläufertum und Verrat, Versagen und Schuld.

Aus dem Protestbrief des Kapitularvikars der Erzdiözese Paderborn Augustinus Philipp Baumann (Weihbischof von 1932-1953):

   An den Herrn Landeshauptmann in Münster i/W.

    Nachrichten zufolge, deren Richtigkeit nicht bezweifelt werden kann, sind aus den Anstalten für Geisteskranke und Schwachsinnige im Bereich der Erzdiözese Paderborn: Marsberg, Warstein und Eickelborn bald an 2000 Kranke, Kinder und Erwachsene, zur Tötung und Einäscherung abtransportiert worden. Im Namen des fünften Gebot Gottes, das bisher die Grundlage der Strafgesetzgebung aller Kulturstaaten bildete, im Namen der Menschlichkeit, deren fundamentalste Gesetze hier grauenvoll mit Füßen getreten werden, im Namen der unschuldigen Opfer und ihrer Angehörigen, über die ein grenzenloses Leid verhängt wird, erhebe ich Einspruch  gegen dies systematische Massenmorden…..
    Der katholischen Bevölkerung unseres Bistums hat sich eine ungeheure Erregung über diese ihr vollkommen unbegreiflichen Vorgänge bemächtigt, was an Gerüchten über die letzten Tage der dem Tod Geweihten und ihre alles menschlichen Gefühls bare Behandlung auf den Abrufstationen und beim Abtransport im Umlauf ist, wird diese Erregung noch steigern. Es sind Einzelheiten, die in ihrer Furchtbarkeit nicht wiedergegeben werden können…..
Ich bitte Sie, sehr geehrter Herr Landeshauptmann, Ihren ganzen Einfluß aufzubieten, dass dem Massenmord an Unschuldigen ein Ende gesetzt wird.
   Der Kapitularvikar: gez. + Baumann


1941 wird der Dortmunder Studienrat und Feldgeistliche Dr. theol. Lorenz Jaeger vom Paderborner Metropolitankapitel zum neuen Erzbischof gewählt und am 19. Oktober 1941  durch den päpstlichen Nuntius Cesare Orsenigo zum Bischof geweiht.

Die Landesregierung (Münster) lässt das Antoniusheim bestehen. Siebzehn Kinder werden kostenlos verpflegt, gekleidet und erzogen. Mutter Theresia kämpft um das Leben ihrer schwach begabten Kinder. Sie schickt die Behinderten als arbeitsfähig zu bekannten Bauern. Vor der angeordneten Sterilisation kann sie sie nicht bewahren. Am 08.02.1936 findet sich in der Chronik der Eintrag: „Der Kreisarzt war wieder da und Mädchen für die Sterilisation (im Text Sterelisation) aufgeschrieben – gegen unseren Willen.“ Da, wo „Herrenmenschen“ gefördert werden, haben Geistesschwache, Minderbegabte und Hilfsschulentlassene  keinen Platz.

 

Bredenscheid, 13. 05. 1942

In größter Sorge bin ich. Vorgestern komme ich von Dortmund zurück und höre, dass 2 Herren von Berlin, Reichsbeauftragte für Heil- und Pflegeanstalten hier waren, den Hof von 2 Seiten fotografiert und die Grundbuchakten eingefordert hätten. Nun haben wir allen Grund, uns ganz an Gott zu klammern.

 

Der nationalsozialistische Amtsbürgermeister holt sich mehrmals eine Schwester zur Pflege seiner kranken Frau.  Der jüdische Zahnarzt, der den Schwestern niemals eine Rechnung für Behandlungen geschrieben hat, wird von Mutter Theresia mit Nahrung unterstützt, bis er mit seiner Familie abtransportiert wird. Ein Bombenattentat auf Mutter Theresia wird durch einen auf dem Hof arbeitenden Mann vereitelt. Die Behörden haben das Schreiben von Bettelbriefen untersagt. Um mit den Wohltätern der schwach begabten Kinder in Verbindung zu bleiben, gratuliert Mutter Theresia zum Namenstag und bekommt weiter Spenden.  Die von Mutter Theresia begründeten katholischen Schulen in Bredenscheid und Holthausen werden geschlossen. Für den geplanten Waldfriedhof am Paasbach kann das Grundstück nach dem Tod des Besitzers erworben werden. Denkwürdigerweise ist das Geld zum fälligen Termin vorhanden.
Zum Beginn des zweiten Weltkrieges erhalten einige Schwestern Gestellungsbefehle und drei davon kommen ins östliche Kriegsgebiet.

 

Bredenscheid, 05. 07. 1942
Zwar sind wir auch arg in Nöten, zumal wir - um unser Bestehen zu sichern, 6 Kräfte der Wehrmacht für Lazarettdienste angeboten haben. Die Wehrmacht hat dann gleich zugegriffen: Schwester Ursula, Paula und Ancilla mussten sich am Dienstag in Münster stellen und schrieben Donnerstag von Insterburg aus. Aber von da würden sie per Dampfer über die masurischen Seen weiter befördert, wohin, das wussten sie selbst noch nicht. Bete für sie! Schwester Clementine musste am 1. Juli nach Hemer bei Iserlohn ins Reservelazarett als Küchenschwester, und am 8. Juli kommt auch Schwester Engelberta dahin. So haben wir Sorge über Sorge und bitten, der Heiland möge uns helfen und allen lieben Schwestern Kraft geben, dass sie den Opfern gewachsen sind.