Nachkriegszeit

Bredenscheid, 20. 03. 1946
Mir geht es, Gott Dank, soweit gut - mit 73 Jahren. Wenn sich das Alter auch etwas bemerkbar macht, so konnte ich doch die notwendige Arbeit noch leisten. Bei uns sind nach dem Fortgehen des Hattinger Krankenhauses im Oktober 42 alte Leutchen untergebracht und 42 Kinder, Schwachsinn-Mädchen. Dass unser Altersheim in Hattingen zertrümmert ist, weißt Du gewiss schon. Ob im Frühjahr so viel Material zu beschaffen ist, dass es wieder aufgebaut werden kann, ist fraglich. Der liebe Gott muss helfen.

Auch wegen eines Verbandsplatzes der Westfront mit 200 Schwerverwundeten nehmen Amerikaner Bredenscheid ohne Kampf ein. Von dort kommt der süddeutsche Pallottinerpater Kraus mit Wachposten und vielen seiner Mitgefangenen abends zur täglichen Messe ins Antoniusheim. Als Ärzte und Sanitäter nach drei Wochen freigelassen werden, geht er mit den Soldaten ins Gefangenenlager nach Lüdenscheid.

Durch die Sprengung der Kohleseilbahn von Sprockhövel nach Hattingen, bleibt das Antoniusheim für fast ein halbes Jahr ohne Strom und Wasser. Wasser muss aus dem Bach geholt werden außer Trink- und Kochwasser, das aus dem Brunnen neben dem Haus kommt.

Am Hattinger Altenheim St. Josef werden von den Schwestern Balken und Steine sortiert. Verkohlte Balken - mit der Handsäge verkleinert - dienen als Brennstoff in der Küche des Antoniusheimes. Zwei Schwestern leben notdürftig beim zerstörten Altenheim und bearbeiten die Felder, die zu den Trümmern des einstigen Hauses gehören. Im Spätherbst des Jahres 1945 gibt es auch wieder Strom und die Wasserpumpen arbeiten wieder. Im September kann das Krankenhaus wieder von Bredenscheid nach Hattingen zurückverlegt werden. Dafür nimmt Mutter Theresia alte Flüchtlinge im Antoniusheim auf. Für die schwach begabten Kinder gibt es plötzlich Großmütter und Großväter. Ein geflügeltes Wort der Schwestern lautet: "Wer zählt die Völker, kennt die Namen, die alle ins Antoniusheim kamen?" Dazu wenden sich viele einstige Parteimitglieder an Mutter Theresia. Bei der berühmt gewordenen "Entnazifizierung" schreibt sie ein Zeugnis nach dem anderen und bürgt für zahlreiche Menschen mit ihrem guten Namen. Sie hat für alle Schwächen Verständnis und die Komödie dieser "Wäsche" nimmt sie von vorneherein nicht ernst.

"Wovon lebt Mutter Theresia eigentlich“? - ist die Frage der Schwestern. Sie isst selber fast nichts mehr. Alle guten und nahrhaften Sachen wandern, obgleich sie so knapp sind, an die Pforte. Seit jeher hatte es den Anschein, als liebe sie ihre Beleidiger und die Unverschämten am meisten, ihnen schenkt sie eine über das Maß hinausgehende Güte. Und manchen bezwingt sie auf diese Weise, dass er sich später seines Benehmens schämt.
Am 22. Juli 1946 stirbt Franziskanerpater Canisius Bielemeier OFM und wird unter starker Beteiligung seiner Beichtkinder, seiner Ordensoberen und Mitbrüder, aller Bewohner des Antoniusheimes und vieler anderer auf dem Waldfriedhof beigesetzt, direkt unter dem großen Kreuz auf der obersten Spitze des Hügels. Pfarrvikar Heinrich Schröder, der Hausgeistliche des Antoniusheims, der zugleich der Seelsorger der Gemeinde ist, stirbt am 27. November 1947 mit 45 Jahren und wird neben Pater Canisius durch den Klosterkommissar Domkapitular Propst Wilhelm Aufenanger (1876-1960) aus Dortmund beigesetzt.
Nach sechs Wochen hat der Erzbischof wieder einen Pfarrvikar und dem Antoniusheim einen neuen Hausgeistlichen ernannt. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft wird der Neupriester Hubert Lenz am 16. Januar 1948 in Bredenscheid eingeführt.
Schwester Ursula, von Mutter Theresia schon seit längerer Zeit als Nachfolgerin bestimmt, ist in Königsberg in russische Kriegsgefangenschaft geraten, weil sie wegen Typhus am Ende des Krieges nicht mehr rechtzeitig fliehen konnte. Juni 1947 ist sie durch Vermittlung einer russischen Ärztin unkenntlich durch Hunger und vielerlei Not wieder in Bredenscheid. Jetzt wird Mutter Theresia durch Schwester Ursula in manchem entlastet, nachdem schon eine andere Schwester die Buchführung übernahm

Bredenscheid, 06. 09. 1946
Gott sei Lob und Dank! Unsere liebe Schwester Ursula lebt! Soeben bekamen wir das erste Lebenszeichen aus dem Deutschen Infektions- Krankenhaus in Königsberg, eine Karte vom 20.Juni 1946, von ihr selbst geschrieben. Sie nummeriert sie mit 3; vielleicht bekommen wir die vorher geschriebene Post nun auch noch, so dass wir Euch dann Näheres mitteilen können. So wie über Schwester Ursula möge der Hl. Engel Schutz auch über Euch allen sein! Wir beten täglich füreinander in dieser Meinung.

Das Antoniusheim ist infolge der langen Kriegsjahre und der Überbelastung sehr reparaturbedürftig geworden. Eine der elektrischen Pumpen versagt den Dienst, die Heißwasserleitung ist durchgerostet, der Backofen durchgebrannt, die Abflussrohre entweder verstopft oder defekt. Wenige Kinder besitzen noch Schuhe, es ist fast kein Porzellan mehr vorhanden, die Kleider der Schwestern, der Kinder und der alten Flüchtlinge sind verschlissen, es fehlt an Bettwäsche und an allem Nötigen. Die Türen und Fensterrahmen haben keinen Anstrich mehr und die Scheiben keine Gardinen. Infolge der Seifenknappheit in langen Jahren sind die weiß-grauen Fliesen der Flure im Ganzen grau geworden, und auch die Fußböden der Zimmer sind ohne Anstrich rau und grau.

Trotz ihrer 76 Jahre und den Folgen einer schweren Lungenentzündung besucht Mutter Theresia im Sommer 1948 noch alle Filialen und ihre Verwandten im Sauerland, auch um Holz für den Neuaufbau des Altersheims in Hattingen zu sammeln.

Als sie die Filiale in Belecke besucht, ist gerade Firmung mit Erzbischof Dr. Lorenz Jäger, der Mutter Theresia bei seinem Besuch bei den Schwestern symbolisch eine rote Rose überreicht. Beide unterhalten sich längere Zeit über Zweck und Ziel der Schwesterngemeinschaft. Später berichtet der Erzbischof von „einem tiefen Erlebnis in der Begegnung mit dieser heiligmäßigen Frau“.

Bredenscheid, 26. 06. 1948
Ich war vergangene Woche im Möhnetal, um unsere Schwestern zu besuchen. Dort war Firmung. In Belecke traf ich den Hochwürdigsten Herrn Erzbischof. Er besuchte auch die Schwestern, war sehr  väterlich und gütig. Er sagte, unsere Sache läge in Rom beim Hl. Vater. Er sei dort gewesen und der Hl. Vater habe sich nach uns erkundigt und gefragt, was wir vorhätten, ob Orden oder Kirchliches Institut zu werden. Um kirchlichen Schutz zu haben, riet uns der Hochw. Herr Erzbischof zum Orden.

Im Oktober finden Exerzitien statt und im Anschluss daran wird - sonst nicht üblich - Mutter Theresias Namenstag gefeiert. Die Weihnachtsansprache an die Schwestern und der Rundbrief zu den Filialen verraten in diesem Jahr besondere Tiefe. Am1. Januar 1949 nimmt sich Mutter Theresia für jede Schwester die Zeit zur persönlichen Aussprache. Die Gemeinschaft verlebt danach schöne Stunden im Refektorium. Donnerstag, den 13. Januar fühlt sich Mutter Theresia infolge einer schweren Erkältung recht angegriffen und müde. Am nächsten Tag findet eine Vorstands-Sitzung mit Domkapitular Propst Wilhelm Aufenanger und Pfarrer Vogt aus Hattingen statt. Es geht um den Wiederaufbau des Altenheims in Hattingen für fünfzig alte Menschen. Später soll es eine Ausweitung und auch eine eigene Kapelle bekommen.

Am Samstag kann Mutter Theresia nicht mehr aufstehen. Sie lässt Schwester Ursula zu sich kommen und unterhält sich mit ihr bis in den späten Abend über alle Anliegen, die die Vereinigung betreffen.

Am 21. Januar 1949 stirbt Mutter Theresia.

An diesem Tag ist sie vor vielen Jahren in Dortmund der Bruderschaft vom guten Tod beigetreten.

Der Beerdigungstag ist der 25. Januar. Dechant Vogt aus Hattingen und Domkapitular Propst Wilhelm Aufenanger aus Dortmund feiern Requien und beerdigen Mutter Theresia. Propst Aufenanger, der wie kein anderer mit den Idealen, dem Wirken und Wollen der Mutter Theresia seit den Anfängen der Genossenschaft vertraut ist, zeigt der Trauergemeinde das Leben  der Stifterin auf, ihr Wirken im Dienste der Caritas und Erziehung, wie sie Liebe, Geduld und tiefe Frömmigkeit zu verbinden wusste mit Umsicht und Tatkraft, und ihre junge Schwesternschaft durch schwere Jahre zur damaligen Größe und Blüte brachte. Wohl aus jedem Haus in Bredenscheid sind Leidtragende, viele aus Hattingen und anderen Städten gekommen, darunter viele, denen ihre letzte Mahnung an die Schwestern gegolten hatte:

"Gebt den Armen an der Pforte nicht nur etwas zu essen. Sondern macht sie auch satt! - Macht sie satt! Und schenkt ihnen Liebe!"

Es lohnt sich, die zahlreichen Beileidsschreiben, darunter besonders aus der Paderborner Kirche und Caritas zu lesen. Sie würdigen Mutter Theresia wegen ihrer Güte und Geduld, ihrer Liebe zu den Kindern, besonders den Schwachbegabten und wegen ihrer Hilfs- und Opferbereitschaft in jeder Not. Ihre natürlichen Anlagen und ihre gewonnene Erfahrung machten sie fähig für die Gründung ihrer Genossenschaft.

In einem Brief, vermutlich von Schwester Ursula, heißt es:
    Beiliegendes Brieflein hatte die Mutter Ihnen zugedacht. Nehmen Sie es entgegen als einen letzten Gruß der lieben Mutter. Wir alle wollen streben, das Hohelied der Liebe, dass Mutter Theresia ihr ganzes Leben gesungen hat, weiter zu singen, um dadurch dem innersten Wesen Gottes näher zu kommen. Deus Caritas est! Gott ist die Liebe! Alles, was wir an Schwierigkeiten haben, wollen wir hintragen zum Feuerherd der göttlichen Liebe – zum Erlöserherzen,. Aus unserer Haut können wir nicht heraus – können aber langsam hineinwachsen in die Vollreife Christi.

Im Brief des Erzbischofs von Paderborn heißt es:
„Die Liebe Christi ging wahrlich helfend und Wohltaten spendend in ihr durch diese vielfach lieblose und egoistische Welt.“ (Krein 1953, 311)

„Ihr Leben war Liebe“,
lautet die Inschrift auf Mutter Theresias Grabstein.